Der Jahresanfang hat im Radsport etwas Besonderes. Viele von uns haben ein paar ruhigere Stunden, die Räder stehen häufiger im Keller als auf der Straße, und der Blick richtet sich nach vorn: auf die kommende Saison, neue Ziele – und nicht selten auf neue Anschaffungen. So ging es auch mir in diesem Winter. Im Gespräch mit Freunden kam mehrfach dieselbe Frage auf: Was fährst du eigentlich – Schlauch im Reifen oder Tubeless?
Eine einfache Frage, könnte man meinen. Tatsächlich steckt dahinter ein Thema, über das sich im Radsport leidenschaftlich diskutieren lässt.
Mehr braucht es beim Schlauch in der Regel nicht: Ein Ersatzschlauch, eine Minipumpe oder CO₂-Kartusche
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Kurz erklärt: Was heißt eigentlich Tubeless?
Den klassischen Reifen mit Schlauch kennt jeder. Der Reifen hält die Form, der Schlauch sorgt für den Luftdruck. Übersichtlich, bewährt, seit Jahrzehnten nahezu unverändert. Beim Tubeless-System entfällt der Schlauch. Stattdessen wird ein spezieller Reifen luftdicht auf eine dafür vorgesehene Felge montiert. Ein Tubeless-Ventil ersetzt das klassische Schlauchventil, und eine Dichtmilch im Reifen sorgt dafür, dass kleine Durchstiche während der Fahrt automatisch verschlossen werden. Das System erfordert andere Laufräder, andere Reifen – und etwas mehr Sorgfalt bei Montage und Wartung.
Eine Frage der Überzeugung – und der Gewohnheit
Ich selbst fahre seit mehr als fünf Jahren konsequent Tubeless. Rennrad, Gravel, Mountainbike – alles ohne Schlauch. Mit rund 25.000 bis 30.000 Kilometern pro Jahr sammelt sich dabei einiges an Erfahrung an. Im vergangenen Jahr hatte ich genau zwei Defekte. Beide ließen sich unterwegs beheben, ohne einen Schlauch einsetzen zu müssen. Eigentlich ein überzeugendes Argument, oder?
Aber wie so oft und wie es der Zufall will, hat mich meine eigene Überzeugung gleich zu Beginn dieses Jahres eingeholt. Ich war mit einem Rad unterwegs, das längere Zeit ungenutzt war. Die Dichtmilch war eingetrocknet, eine kleine Glasscherbe erledigte den Rest: platter Reifen. Kein Drama – denn ein Ersatzschlauch ist bei mir immer dabei. Dachte ich zumindest.
Mein mitgeführter TPU-Schlauch hatte drei Jahre unangetastet im Notfallkit verbracht. Das Ergebnis: poröses Material, Löcher von beachtlicher Größe. Die Reparatur war aussichtslos, der Spaziergang zum nächsten Radgeschäft entsprechend lang. Eine Erfahrung, die man nicht unbedingt machen muss – die aber gut zeigt: Auch vermeintlich überzeugende Lösungen haben ihre Eigenheiten.
Tubeless
Das größte Argument für Tubeless-Systeme ist für viele das deutlich reduzierte Pannenrisiko. Kleine Durchstiche werden durch die Dichtmilch oft schon während der Fahrt zuverlässig verschlossen, ohne dass Sie es überhaupt bemerken. Zusätzlich erlaubt das System, mit geringerem Reifendruck zu fahren, was insbesondere auf dem Gravel- und Mountainbike spürbare Vorteile bringt: mehr Komfort, bessere Traktion und ein sichereres Fahrgefühl auf losem Untergrund.
Auch klassische Durchschläge, sogenannte Snakebites, gehören mit Tubeless praktisch der Vergangenheit an. In Summe sorgt das für ein sehr souveränes Fahrgefühl – gerade dann, wenn die Bedingungen nicht perfekt sind.
Dem stehen jedoch einige Nachteile gegenüber. Tubeless ist in der Anschaffung teurer, da spezielle Laufräder, Reifen und Ventile erforderlich sind. Auch die Montage ist aufwendiger und erfordert etwas Erfahrung sowie Geduld. Hinzu kommt der Wartungsaufwand: Die Dichtmilch muss regelmäßig kontrolliert und erneuert werden, da sie mit der Zeit austrocknet. Und auch wenn viele Defekte unterwegs problemlos zu beheben sind, kann eine Reparatur im Ernstfall deutlich komplexer sein als beim klassischen Schlauch – insbesondere dann, wenn man ungeübt ist oder die Bedingungen widrig sind.
Der Schlauch
Der klassische Schlauch überzeugt primär durch seine Einfachheit. Das System ist seit Jahrzehnten bewährt, leicht verständlich und nahezu überall schnell zu reparieren. Ein Ersatzschlauch, eine Minipumpe oder CO₂-Kartusche – mehr braucht es in der Regel nicht, um nach einer Panne zügig weiterzufahren. Auch die Einstiegskosten sind geringer, und der Wartungsaufwand beschränkt sich im Wesentlichen auf gelegentliches Prüfen des Reifendrucks. Für viele Fahrer bedeutet das: weniger Technik, weniger Abhängigkeit – und mehr Fokus auf das eigentliche Fahren.
Auf der anderen Seite ist der Schlauch anfälliger für Durchschläge, vor allem bei schlechten Straßenverhältnissen oder auf Schotter. Um dies zu vermeiden, sind meist höhere Reifendrücke nötig, was sich auf Komfort und Grip auswirken kann. Gerade abseits des Asphalts oder auf längeren Strecken mit wechselndem Untergrund fühlt sich das Fahrverhalten oft härter und weniger kontrolliert an. Wer viel auf Gravel oder im Gelände unterwegs ist, stößt mit dem klassischen Schlauch daher schneller an physikalische Grenzen.
Reparaturmöglichkeiten unterwegs bei Tubeless
Ein oft genannter Kritikpunkt sind die Reparaturmöglichkeiten unterwegs. In der Praxis gibt es drei Stufen:
1. Selbstabdichtung: In vielen Fällen erledigt die Dichtmilch den Job unbemerkt während der Fahrt.
2. Plugs: Größere Löcher lassen sich mit speziellen Stopfen schnell und zuverlässig verschließen.
3. Notfallschlauch: Wenn alles andere nicht hilft, kann auch im Tubeless-Reifen ein Schlauch eingesetzt werden – vorausgesetzt, dieser ist noch intakt.
Am Ende bleibt festzuhalten: Beide Systeme sind valide Optionen. Tubeless spielt seine Stärken besonders bei niedrigem Reifendruck aus – auf dem Mountain- und Gravelbike ist es für viele kaum noch wegzudenken. Auf dem Rennrad scheiden sich die Geister. Die höheren Drücke relativieren einige Vorteile, und mit modernen Reifen-Schlauch-Kombinationen gibt es schnelle, zuverlässige Alternativen.
Nicht ohne Grund fahren auch heute noch zahlreiche Profiteams bei der Tour de France mit Schlauch. Entscheidend ist das Einsatzgebiet – und die eigene Bereitschaft, sich mit dem System auseinanderzusetzen.
Oder anders gesagt: Wichtig ist nicht, was Sie fahren. Sondern dass Sie fahren.
Schreiben Sie mir gern hier. Ich freue mich sehr auf Ihren Input und Ihre Erfahrungen.
Ihr Ulrich Bartholmös
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