Im Browser lesen
Freitag, 27. Februar 2026

Pedale und Performance

Wie Sie fit bleiben auf dem Rennrad
Ulrich Bartholmös
Ultracyclist und Berater
Liebe Leserin, lieber Leser.

Normalerweise liebe ich es, Langdistanzrennen allein zu fahren. Ich genieße diese Stunden, manchmal Tage, im eigenen Rhythmus. Nur ich, das Rad und die Strecke. Für mich ist das Ultracycling in seiner reinsten Form: fokussiert, reduziert, fast meditativ. Für mich eine Gelegenheit, vom normalen Trubel des Lebens temporär zu entkoppeln. Und genau dafür bin ich im Januar wieder nach Ruanda gereist.

Teamplayer: Unser Autor Ulrich Bartholmös (im Bild mit seinem Partner Matt) hat in Ruanda das Teamfahren für sich entdeckt

Teamplayer: Unser Autor Ulrich Bartholmös (im Bild mit seinem Partner Matt) hat in Ruanda das Teamfahren für sich entdeckt

ubartholmoes

Ruanda war für mich kein unbekanntes Terrain. Im Jahr 2023 stand ich schon einmal am Start vom „Race Around Ruanda“ in Kigali: 1000 Kilometer Gravel, 17.000 Höhenmeter.

Damals war ich voller Vorfreude – und dann vor dem Rennen krank geworden. 40 Grad Fieber in den Tagen vor dem Start. Wer mich kennt, weiß: Ich starte ungern nicht. Also habe ich es versucht, aber nach etwa der Hälfte des Rennens musste ich aufgeben.

Ich erinnere mich noch genau an den Moment des Ausstiegs. Trotz der Enttäuschung war mir klar: Ich komme zurück. Ich hatte eine Rechnung offen. Nicht mit dem Land, sondern mit mir selbst. Drei Jahre später war es dann so weit.

Eine spontane Entscheidung fürs Team

Zwei Wochen vor dem Start erhielt ich einen Anruf. Der ursprüngliche Teampartner meines Freundes hatte kurzfristig abgesagt. Ob ich einspringen wolle? Wir hatten uns jahrelang nicht gesehen, aber wir hatten immer einen guten Draht. Gemeinsame Werte, ähnliche Vorstellung von Leistung, von Disziplin, von Respekt. Keine gemeinsame Vorbereitung, keine eingespielten Abläufe, aber eine gemeinsame Vision.

Normalerweise bin ich Solofahrer aus Überzeugung. Ich liebe es, meinen eigenen Rhythmus zu finden, mich von der Welt zu entkoppeln. Doch dieses Mal reizte mich der Perspektivwechsel. Vielleicht auch, weil ich wusste: Dieses Rennen schulde ich mir noch einmal. Also standen wir am 1. Februar um 5 Uhr morgens in Kigali am Start.

„Land der tausend Hügel“

Der Start in den Sonnenaufgang hinein ist schwer zu beschreiben: Kigali erwachte langsam, goldenes Licht legte sich über die Hügel, und man wusste: Vor einem lagen fast 1000 Kilometer mit rund 20.000 Höhenmetern. Ruanda nennt sich das „Land der tausend Hügel“.

Nach wenigen Stunden im Sattel war klar: Das ist eher eine freundliche Untertreibung. Es ging permanent hoch und runter. Kein langer Rhythmus, kein „Einrollen“. Die Strecke forderte Aufmerksamkeit – körperlich wie mental.

Besonders beeindruckte mich die Bevölkerungsdichte. Kaum ein Hügel, der nicht bewirtschaftet wird. Kinder liefen neben den Fahrern her, Menschen winkten, riefen, lachten. Dieses Rennen ist keine Durchquerung einsamer Regionen, es ist ein permanenter Kontakt mit dem Land.

Mein Teampartner Matt und ich fanden schnell unseren gemeinsamen Rhythmus und so waren wir wenig überrascht, wie gut das funktionierte. Innerhalb der ersten zwölf Stunden lagen wir auf Platz 1 der Pairs-Wertung. Der erste Tag ist traditionell schnell – der Körper frisch, die Motivation hoch.

Warum Teams stärker sind

In der ersten Nacht zeigte sich, warum Teamfahren eine andere Qualität hat. Matt wurde sehr müde. Diese tiefe Erschöpfung, die sich nicht mit Koffein lösen lässt. In meinen Solorennen kenne ich diese Phasen gut. Dann führe ich Selbstgespräche, die mal motivierend, mal gnadenlos sind. Dieses Mal war es anders. Wir sprachen. Über alte Geschichten, über Familie, über Projekte, über Ziele. Und diese Gespräche hielten uns wach.

Mit dem ersten Tageslicht kam neue Energie. Wer einmal eine Nacht durchgefahren ist, weiß: Sonnenaufgang ist wie ein Reset für den Kopf. Der zweite Tag brachte Routine, aber die schleichende Müdigkeit blieb. Gegen Mittag entschieden wir uns für eine zweistündige Pause. Essen, kurz schlafen, regenerieren.

Rückblickend war es eine unserer schlechteren Entscheidungen. Durch die Pause gerieten wir hinter eine Schlechtwetterfront. Drei Stunden fuhren wir im strömenden Regen.

Anschließend folgte eine Passage, die ich so schnell nicht vergessen werde: Schlamm, der selbst zum Schieben kaum passierbar war. Die Räder setzten sich mit Lehm zu, jeder Meter wurde zum Kraftakt. Wir verloren Zeit. Aber vor allem hätten wir dort leicht die Nerven verlieren können.

Doch es war keine „deine“ oder „meine“ Fehlentscheidung. Es war unsere. Und genau deshalb blieb die Stimmung konstruktiv. Wir arbeiteten uns gemeinsam zurück ins Rennen.

Neustart für das Rennen

Mitten in der Nacht erreichten wir Checkpoint 4. Ein warmes Essen, neue Motivation. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir bereits einen soliden Vorsprung und unseren ersten Platz in der Teamwertung sicher. Als Bonus hatten wir uns sogar bis auf Platz 2 der Gesamtwertung vorgekämpft – als Team in einem Feld starker Solofahrer.

Normalerweise sind Teams bei Ultrarennen langsamer, weil zwei Individuen in der Regel nicht synchron funktionieren und das mehr Zeit kostet. Doch wir funktionierten erstaunlich reibungslos.

Die letzten 200 Kilometer zogen sich, die zwölf Stunden wurden sehr lang. Zum Schluss hatten wir unsere Ziele noch einmal angepasst: Teamwertung gewinnen und die Gesamtplatzierung verteidigen.

Am frühen Abend rollten wir schließlich zurück nach Kigali. 59:58:55 Stunden, 987,03 Kilometer, 19.122 Höhenmeter. Platz 1 in der Teamwertung. Platz 2 in der Gesamtwertung.

Spitzenleistung entsteht selten im Alleingang

Als überzeugter Solofahrer habe ich in Ruanda etwas Entscheidendes gelernt: Geteilte Last ist leichter zu tragen. In schwierigen Phasen trägt nicht einer allein die Zweifel. Gespräche ersetzen Selbstzweifel. Gemeinsame Zielklarheit ersetzt perfekte Vorbereitung. Und Vertrauen verhindert, dass Fehler eskalieren.

Im Business sehe ich oft Führungskräfte, die wie Soloathleten agieren: maximale Kontrolle, maximale Eigenverantwortung, maximale Belastung. Doch nachhaltige Spitzenleistung entsteht selten im Alleingang. Sie entsteht dort, wo Menschen ein gemeinsames Ziel teilen – und Verantwortung gemeinsam tragen.

Mit diesen Eindrücken und einigen hoffentlich inspirierenden Gedanken möchte ich mich heute von Ihnen verabschieden, denn diese Kolumne ist meine letzte in diesem Format.

Es war mir eine große Freude, Sie in den vergangenen Jahren ein Stück auf meiner persönlichen Langdistanz-Radreise mitzunehmen: in die Dunkelheit früher Morgenstunden, in die Hitze Andalusiens, durch die Weiten der Rocky Mountains, wo Demut fast automatisch entsteht. Durch Technik- und Trainingsthemen und eben dieses Mal über tausend Hügel in Ostafrika.

Mehr zum Thema
Schlauch oder Tubeless?   Schlauch oder Tubeless?
Was Energie fürs Radtraining bringt   Was Energie fürs Radtraining bringt
Erste Hilfe beim Rennradfahren   Erste Hilfe beim Rennradfahren

Wenn diese Kolumne eines zeigen sollte, dann vielleicht das: Radfahren ist weit mehr als Sport. Es ist Lehrmeister, Spiegel und manchmal auch Therapeut. Es zeigt uns sehr ehrlich, wo wir stehen – körperlich, mental und menschlich.

Ich wünsche Ihnen allzeit gute Fahrt.

Ihr Ulrich Bartholmös
Ultracyclist und Berater

Newsletter
­
Verwalten    Abmelden    Feedback an die Redaktion    Alle Newsletter
­
­
Jetzt laden: Die manager-App
­
Laden im App Store
Jetzt bei Google Play
­
­
Folgen Sie uns:
Manager Magazin bei Instagram folgen
manager magazin
Manager Magazin bei LinkedIn folgen
manager magazin
Harvard Business Manager bei Instagram folgen
Harvard Business manager
Harvard Business manager
­
­
manager magazin new media GmbH & Co. KG
Ein Unternehmen der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH
Ericusspitze 1
20457 Hamburg
Telefon:
040 38080-333

Sitz und Registergericht Hamburg, HRB 112 086
Umsatzsteuer-ID-Nummer DE 269 1300 94

Chefredakteurin manager magazin: Isabell Hülsen (V.i.S.d. § 18 Abs. 2 MStV)
Chefredakteurin Harvard Business manager: Antonia Götsch (V.i.S.d. § 18 Abs. 2 MStV)
Kontakt:
newsletter@manager-magazin.de

©2026 manager magazin new media GmbH
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
­
Impressum    Datenschutz    Nutzungsrechte    Nutzungsbedingungen    Kontakt    Hilfe
Unsere Partner
manage › forward