Warum Führungskräfte keine Krankenhausserien schauen sollten
Wo Menschenleben auf dem Spiel stehen, muss jeder Griff sitzen. Warum auf der Intensivstation niemals vermeintliche Helden führen dürfen – und was Chefinnen und Chefs in anderen Unternehmen von Krankenhäusern lernen können.
Nele Geiger
Liebe Leserin, lieber Leser.
Krankenhäuser sind kein Ort für große Auftritte, auch wenn Dr. Meredith Grey oder McDreamy aus „Grey’s Anatomy“ uns das gern glauben lassen. Sie sind ein System, das unter Druck funktionieren muss – auch dann, wenn Menschen müde sind und die Zeit davonläuft. Das lässt wenig Platz für Status, Selbstinszenierung oder die große Geste. Viel entscheidender ist, ob Rollen klar sind und ob jemand den Mut hat, Fehler sofort anzusprechen, bevor sie zum Problem werden.
Heinz Sonnenschein kennt diese Welt aus der Praxis: Seine Karriere begann auf der Intensivstation. Heute berät er Organisationen und beobachtet, dass Führungskräfte in harmloseren Umgebungen schnell in schädliche Muster rutschen. Seine These: Wer sich für unersetzlich hält, droht in kritischen Situationen zu versagen. Führungskräfte sollten stattdessen die Strukturen ernst nehmen – und sich selbst weniger.
Harvard Business manager: Sie waren viele Jahre lang leitender Fachkrankenpfleger für Anästhesie und Intensivmedizin. Muss man unter hohem Druck gearbeitet haben, um Menschen führen zu können?
Heinz Sonnenschein:
Nein, es ist aber sehr hilfreich. Gerade wenn es nicht um Budgets, sondern um Menschenleben geht, zeigt sich schnell: Keine Entscheidung ist auch eine Entscheidung. Auf der Intensivstation müssen nicht nur Ärztinnen und Ärzte, sondern auch die Fachpflegekräfte innerhalb weniger Sekunden reagieren, sonst ist es für die Patienten vielleicht zu spät. So habe ich ein Gespür dafür entwickelt, wann Situationen klare Führung brauchen und wann eher Zurückhaltung geboten ist. Und auch dafür, wo eindeutige Strukturen und klare Aufgaben unverzichtbar sind. Das hätte mir kein Seminar so beibringen können.
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