Der wöchentliche Newsletter für erfolgreiche Führungskräfte
Gesine Braun
Liebe
Leserin, lieber Leser.
Ich kannte mal eine Führungskraft, die gern, und zwar durchaus fröhlich, verkündete: „Ich weiß, dass mein Team schlecht über mich redet, wenn ich nicht im Raum bin. Und es stört mich nicht, denn das ist der Preis, den wir Chefinnen und Chefs nun mal zahlen.“ Ich habe diesen Satz nie vergessen, auch weil er mit einer so selbstbewussten Klarheit gesagt wurde.
Seitdem ich selbst Chefin bin, weiß ich: Manchmal braucht man tatsächlich ein ziemlich dickes Fell. Denn wo mehr als drei Menschen zusammenkommen, steht vor jeder gemeinsamen Unternehmung die Verhandlung. Wer will was und zu welchen Bedingungen? Im Arbeitskontext, in dem dann auch noch unterschiedliche Expertisen, Kenntnisstände und Charaktere zusammenkommen, wird die Sache nicht einfacher. Dennoch entscheidet sich Führung für mich an etwas anderem – an dem altmodischen Wort Integrität, an der Frage, ob das, was ich sage und das, was ich tue, übereinstimmen.
Womit wir bei unserem aktuellen Titelinterview
„Führung ist für mich angewandte Lebensphilosophie“ mit dem finnischen Philosophen Esa Saarinen sind – ein Text, den ich Ihnen wirklich ans Herz lege. Saarinen ist in seiner Heimat ein Star, und das liegt nicht nur an seinen bunten Jacketts (von denen eins übrigens als Hintergrund für unser Cover diente).
Er hat viele finnische Führungspersönlichkeiten beraten und sagt: Gute Führung beschränkt sich nicht auf Strukturen und Prozesse. Sie gestaltet die Qualität des Zusammenseins – den Ton miteinander, die Aufmerksamkeit füreinander, das Vertrauen dazwischen. Und sie beginnt vor allem mit Selbstreflexion: bei der Frage, wer ich als Mensch bin, wenn niemand zuschaut.
Der Philosoph versteht sein Handwerk nicht als Disziplin, die in Bibliotheken Staub ansetzt, sondern als etwas, das im Tagtäglichen Wirkung entfaltet: in wichtigen Meetings genauso wie im Joballtag. Anders gesagt: überall, wo es darauf ankommt, Menschen wirklich wahrzunehmen – und genau dadurch mitzunehmen.
Was mich an diesem Gespräch besonders berührt hat, war Saarinens Unaufgeregtheit. Er versucht nicht, Führungskräfte zu „überzeugen“. Stattdessen lädt er sie ein, genauer hinzusehen: auf die eigenen Annahmen, auf die eigene Sprache, auf die kleinen Signale, die im Team eine ganz bestimmte Atmosphäre erzeugen können. Er spricht über Macht und Ungewissheit, über die Hoffnung anderer Menschen – und über die überraschend großen Effekte kleiner Verschiebungen.
Und ja: Das klingt groß. Aber es beginnt – wie so oft – im Kleinen. Etwa durch einen minimalen Wechsel des Fokus. Drei Anstupser aus dem Interview, die Sie sofort ausprobieren können:
10-Sekunden-Check: Stellen Sie sich vor Ihrem nächsten Meeting vor, im Raum wären 10 Prozent mehr gegenseitiger Respekt. Was würden Sie dann anders sagen – wen anders adressieren?
Fünf Minuten ohne Agenda: Ein kurzes Gespräch unter vier Augen, nur um wirklich zu hören, wie es jemandem geht. Kein Coaching, kein „Wie kann ich helfen?“, einfach Kontakt.
Der „Plus-Knopf“ im Kopf: Suchen Sie in Ihrem Gegenüber etwas, das Sie aufrichtig an ihr oder ihm bewundern – bevor Sie überlegen, was Sie sich von der Begegnung erhoffen.
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Jetzt bin ich wie immer neugierig: Wenn Ihr Team Sie in einem Satz beschreiben würde, wenn Sie nicht im Raum sind: Welcher Satz soll es sein? Und welche kleine Entscheidung könnten Sie diese Woche so treffen, dass sich das ändert? Schreiben Sie es mir gern.
Viel Freude mit unserer neuen Ausgabe wünscht Ihnen
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