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Dienstag, 10. März 2026

Lead Forward

Der wöchentliche Newsletter für erfolgreiche Führungskräfte
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Gesine Braun
Liebe Leserin, lieber Leser.

In der vergangenen Woche hatte ich ein paar Tage frei. Am bretonischen Atlantik, weit weg vom Arbeitsmodus, musste ich wieder an ein Interview (HBm+) mit Shlomo Ben-Hur denken, Professor für Leadership und Organizational Behavior am International Institute for Management Development (IMD) in Lausanne. Vor allem wegen einer Beobachtung von ihm, die unangenehm plausibel ist: Je größer der Druck, desto kleiner wird unser Handlungsradius.

Ben-Hur beschreibt in dem Gespräch, das meine Kollegin Christiane Sommer und ich mit ihm geführt haben, wie unser Gehirn in stressigen Zeiten auf „erlernte Routinen und emotionale Abkürzungen“ zurückgreift – Muster, die oft aus frühen Prägungen stammen. Das Verstörende daran: Wir halten diese Reaktionen dann für ureigene – für unsere Erfahrung, unseren Stil oder unseren Instinkt –, obwohl wir, wie er sagt, in Wahrheit auf Autopilot unterwegs sind. Ben-Hur nennt das unseren Führungscode: einen inneren Quellcode, der vorgibt, wie wir entscheiden, wie wir Konflikte führen, wie wir Macht ausüben oder vermeiden.

Sein Computervergleich trifft den Punkt: Ist unser Code fehlerhaft, produziert das System zuverlässig unerwünschte Ergebnisse – häufig, ohne dass wir es merken. Führung scheitert dann nicht an fehlender Erfahrung oder emotionaler Intelligenz, sondern an Automatismen. Wenn wir unseren persönlichen Code nicht kennen, so der Psychologe, führen wir nicht wirklich – sondern werden im Grunde von unserer Vergangenheit geführt: von blinden Flecken, alten Schutzmechanismen und einem Selbstbild, das sich als Kompetenz tarnt.

Am Meer habe ich mich wieder gefragt: Können wir solche Muster ändern – oder bleiben wir am Ende Gefangene unserer Kindheit? Ben-Hurs Antwort ist erstaunlich nüchtern: Veränderung ist möglich, aber sie ist langsam und braucht Rückkopplung. Es geht nicht darum, die eigene Geschichte auszuradieren oder eine neue Persona zu erfinden. Viele Teile unseres Codes sind schließlich unsere Erfolgsformel. Andere Teile jedoch verursachen Schmerzen – bei uns und bei anderen. Und genau diese, sagt Ben-Hur, sollten wir nicht nur „managen“, sondern „ehrlich angehen“.

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Dass ich während meiner freien Tage ausgerechnet an dieses Interview denken musste, hat vermutlich auch mit meiner neuen Aufgabe zu tun: Ich übernehme die Rolle der Chefredakteurin im HBm-Team. Denn so wie ich mir immer Chefinnen oder Chefs gewünscht hätte, die nicht von ihren impulsiven inneren Despoten getrieben werden, wünsche ich mir das natürlich auch von mir selbst – und zwar auch dann, wenn ich müde bin, mein Kalender voll ist oder die Lage unübersichtlich wird. In einer Welt, die sich rasant ändert, bleibt unser persönlicher Code der Differenzierungsfaktor. Und gute Führung beginnt – so unspektakulär das klingt – mit der Entscheidung, Verantwortung für unser Selbst und Handeln zu übernehmen.

Ben-Hur sagt aber auch etwas sehr Tröstliches: „Niemand führt allein.“ Resonanzräume sind für ihn kein Luxus, sondern eine wichtige Infrastruktur guter Führung. Auch deshalb bin ich für mein Netzwerk aus Kolleginnen und Kollegen, Freundinnen und Freunden, Mentorinnen und Mentoren sehr dankbar. Wir brauchen Menschen, die uns spiegeln, auch wenn dies manchmal unangenehm ist.

Wenn ich aus dem Interview eine praktische Essenz destillieren müsste, wäre es diese: Führung beruht nicht auf Titeln, sie ist kein Zustand, sondern ein stetiges Neucodieren – vergleichbar mit dem fortlaufenden Update eines Softwaresystems. Ben-Hur empfiehlt dafür kleine Unterbrechungen im Alltag – bewusste Stopp-Momente vor großen Entscheidungen oder neuen Herausforderungen. So lässt sich nach Ansicht des Experten am besten verhindern, dass der Autopilot übernimmt.

Mein persönlicher Stopp-Moment waren diese Tage am Meer. Wo schaffen Sie es, Ihre persönliche Pausentaste zu drücken? An welchen Orten schöpfen Sie Kraft? Schreiben Sie es mir gern.

Herzliche Grüße
Gesine Braun

PS: Ist Ihnen schon unser neues Newsletter-Teaserbild aufgefallen? Es erinnert mich an einen wunderschönen Kindheitsurlaub in Schweden, bei dem uns aus dem Buch „Nils Holgersson“ vorgelesen wurde. Ein großes Dankeschön an Mario Mensch, der es für uns entworfen hat.

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