Der wöchentliche Newsletter für erfolgreiche Führungskräfte
Gesine Braun
Liebe
Leserin, lieber Leser.
Gleich vorab: Ich habe noch nie eine Psychoanalyse gemacht. Aber ich finde es spannend – und ziemlich mutig –, wenn Menschen mir erzählen, wie sie sich den eigenen Dämonen stellen.
Umso mehr irritiert es mich, dass inzwischen immer öfter Stimmen auftauchen – häufig aus dem Techumfeld des Silicon Valley
–, die Introspektion eher misstrauisch beäugen. Sinngemäß heißt es dann meist: Wer zu viel nach innen schaue, schaue zu wenig nach vorn.
Das klingt verführerisch logisch, fällt aber bei genauerem Hinsehen schnell in sich zusammen. Denn dass gute Führung auch mit Selbstkenntnis zu tun hat, ist eine sehr gut belegte These. Peter F. Drucker hat sinngemäß schon vor Jahrzehnten gesagt, dass man zuallererst sich selbst führen können muss, bevor man andere führt.
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Genau deshalb möchte ich Ihnen heute noch einmal das Interview „Führen kann eine gefährliche Droge sein“
mit Manfred Kets de Vries ans Herz legen, das meine Kollegin Christiane Sommer und ich vor einiger Zeit geführt haben. Kets de Vries war einer der Ersten, der erfolgreiche Spitzenkräfte im übertragenen Sinne auf die Couch legte – nicht, um sie zu „reparieren“, sondern vor allem, um herauszufinden, was Macht mit Menschen – und noch wichtiger – was sie mit Beziehungen macht.
Einige Sätze aus unserem Gespräch klingen in mir bis heute nach. Einer hat sich besonders festgesetzt: „Macht führt dazu, dass Menschen Ihnen gegenüber nicht mehr so aufrichtig sind wie zuvor.“ Natürlich hoffe ich, dass das bei uns im Team nicht der Fall ist. Aber davon auszugehen, wäre vermessen. Denn am Ende bin häufig ich es, die entscheiden darf, wie etwas gemacht wird. Man kann sich noch so sehr um Augenhöhe bemühen – diese Tatsache steht immer mit im Raum, wenn jemand den Hut aufhat. Dass es oft leiser um Chefinnen und Chefs werde, sei die Kehrseite des Verantwortungtragens, sagt Kets de Vries.
Introspektion bildet allerdings nicht den Gegenpol zum Handeln, wie einige Stimmen behaupten. Im Gegenteil: Sie ist das, was uns wirklich handlungsfähig bleiben lässt, weil sie blinden Flecken vorbeugt und dafür sorgt, dass wir Applaus nicht mit wirklichem Vertrauen und echter Zustimmung verwechseln. Und sie schafft überhaupt erst die Bedingungen, unter denen man sich selbst weniger aus dem Blick verliert.
Merken Sie in Ihrem Alltag manchmal, dass Menschen Ihnen weniger offen widersprechen als früher – und was tun Sie, damit die Stille im Raum Sie nicht täuscht?
Schreiben Sie mir gern.
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