Der wöchentliche Newsletter für erfolgreiche Führungskräfte
Gesine Braun
Liebe
Leserin, lieber Leser.
Was für einige Menschen ihr Dachboden oder Keller ist, ist für mich die Notizen‑App auf meinem Rechner: Dort halte ich kleine To-dos und Gedankensplitter fest – all das, von dem ich diffus das Gefühl habe, es nicht vergessen zu dürfen. Allein die Tatsache, etwas irgendwo festgehalten zu haben, wirkt auf mich oft beruhigend – selbst dann, wenn ich erst Wochen oder Monate später dazu komme, es abzuarbeiten.
Vielleicht ist das der Punkt. Aufschreiben hat etwas von Selbstberuhigung: eine kleine private Versicherungspolice gegen das Gefühl, dass einem etwas durchrutscht. Im Führungsalltag hat dieser Wunsch nach Übersicht allerdings eine Kehrseite. Aus „Ich will den Überblick behalten“ wird „Ich will sicher sein“. Und dann wird nicht mehr wirklich geführt, sondern in erster Linie kontrolliert – oft ohne böse Absicht, eher aus Reflex.
Denn Kontrolle hat einen unfairen Vorteil: Sie fühlt sich sofort wirksam an. Die doppelte Nachfrage, der Blick in die Präsentation, „bevor sie rausgeht“, noch eine Freigabe „zur Sicherheit“ – all das senkt das eigene Unbehagen. Nur ist dieses Unbehagen nicht einfach weg. Es wird an die Teammitglieder weitergereicht: als zusätzliche Schleife, als Verzögerung, als leise Botschaft im System.
Kontrolle ist nämlich nicht neutral. Für die Person, die kontrolliert, ist sie ein Instrument. Für die anderen ist sie ein Signal. In Teams wird erstaunlich fein registriert, wie viel Vertrauen im Raum ist – darauf weist Wirtschaftspsychologe und Managementberater Nico Rose im Interview „
Auch ein Kontrollfreak? So lernen Sie loszulassen“ hin.
Rose beschreibt darin einen Mechanismus, der so schlicht ist, dass man ihn leicht übersieht: Wo Zutrauen fehlt, entsteht Unsicherheit. Unsicherheit macht Stress. Stress macht Fehler wahrscheinlicher. Und Fehler liefern dann – ziemlich zuverlässig – genau die Bestätigung, die der Kontrollreflex braucht, um sich zu rechtfertigen. So wird Misstrauen zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung: mehr Regeln, mehr Reports, mehr Freigaben, mehr „nur kurz“ – alles mit dem Ziel, Risiken zu verringern. Irgendwann wird so allerdings aus jeder Entscheidung ein Verfahren.
ANZEIGE
Der Ausweg wirkt, auch das ist Teil der Zumutung, unspektakulär. Nicht „einfach loslassen“, sondern zuerst unterscheiden: Kontrolle ist nicht dasselbe wie Klarheit. Klarheit heißt, Ziele sauber zu benennen, Rollen und Entscheidungsräume zu klären, Erwartungen auszusprechen, einen Rhythmus zu vereinbaren. Ein Rahmen, der Risiko nicht ausradieren will, sondern sortiert.
Und dann beginnt die eigentliche Arbeit, so Rose: ein Status-Update seltener, ein Meeting, das diesmal nicht stattfindet, eine Entscheidung, die dort bleibt, wo sie hingehört. So, dass das eigene Nervensystem eine neue Erfahrung machen kann: Es geht auch ohne das dauernde Nachfassen.
Vielleicht ist das eine gute Frage für diese Woche: Welche Nachfrage können Sie sich sparen – ohne dass irgendetwas darunter leidet? Schreiben Sie es mir gern.
manager magazin new media GmbH & Co. KG Ein Unternehmen der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH Ericusspitze 1 20457 Hamburg Telefon: 040 38080-333
Sitz und Registergericht Hamburg, HRB 112 086 Umsatzsteuer-ID-Nummer DE 269 1300 94