Der wöchentliche Newsletter für erfolgreiche Führungskräfte
Gesine Braun
Liebe
Leserin, lieber Leser.
In meiner Kindheit bin ich einige Male umgezogen. Auf die weiterführende Schule bin ich in einer Gegend gegangen, von der manche sagen, die Menschen dort seien eher mundfaul: auf dem Land in Ostwestfalen. Ich empfinde das übrigens gar nicht so – aber darum soll es heute nicht gehen. Wohl aber um etwas, das Menschen, die in ländlichen Regionen groß geworden sind, vielleicht mit mir teilen.
Da, wo Fuchs und Hase sich noch gute Nacht sagen, haben Blenderinnen und Blender meist keine Chance. Meine These: Die Wege dort sind einfach zu kurz: Man kennt sich – oder kennt zumindest fast immer jemanden, der jemanden kennt. Statt großer Worte glaubt man dort eher an die Macht des Faktischen.
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Daran musste ich denken, als ich neulich noch mal den wirklich empfehlenswerten Artikel „Fallen Sie nicht auf KI-Hochstapler rein, die keine echte Erfahrung haben“
gelesen habe. Er beschreibt im Grunde ein altes Phänomen in neuer Geschwindigkeit: Menschen, die gern schnacken, gab es immer – nur haben sie mit KI und all den digitalen Manegen heute ein leichteres Spiel.
Autor des Textes ist John Winsor, Executive Fellow am Digital Data Design Institute der Harvard Business School und Co-Autor des Buchs „Open Talent“. Er ist also durchaus jemand, der sich nicht nur theoretisch mit neuer Arbeit beschäftigt, sondern nah dran ist an dem, was Organisationen in der Praxis tatsächlich hinbekommen – und woran sie scheitern.
Winsor sagt, wir leben heute in einer Welt, in der mehr Menschen über Arbeit und Zusammenarbeit reden oder schreiben, als diese tatsächlich gestalten. Dass ich als Chefredakteurin eines Magazins für Leadership-Expertise dem nicht reflexhaft widerspreche, hat einen einfachen Grund: Ich fürchte, er hat recht.
KI und die großen Sprachmodelle senken die Hürde, die eigenen Gedanken (und oftmals leider auch die der anderen) in Umlauf zu bringen – auch dann, wenn sie noch nicht durch eigene Erfahrung oder Forschung gedeckt sind. Das führe dazu, so Winsor, dass eine riesige kollaborative Contentmaschine in unsere LinkedIn-Feeds einen quasi endlosen Strom glatt polierter, selbstbewusster und manchmal auch hohler „Insights“ spüle.
Winsor unterscheidet Thought Leadership und Thought Doership: Die einen beschreiben die Zukunft, die anderen wollen sie wirklich gestalten. Thought Doer konsumieren Ideen nicht nur – sie stellen sie infrage, testen Prototypen, scheitern und teilen hinterher, was sie gelernt haben – mit einer Offenheit, die viele Thought Leader nicht wagen würden, weil das womöglich ihrer persönlichen Marke schaden könnte.
Was ich an dem Text so hilfreich fand: Er bleibt nicht bei der Diagnose stehen, sondern macht konkrete Vorschläge, wie man Scheinexpertise von wirklichem Erfahrungswissen trennt. Wenn Sie das nächste Mal merken, dass ein Mensch – oder ein Beitrag – Sie beeindrucken will, stellen Sie einfache Fragen: Auf welchen Erfahrungen basiert die Überzeugung? Worauf fußen die Thesen? Welche Widerstände mussten auf dem Weg dorthin überwunden werden?
Hier schließt sich für mich der Kreis zu meiner Jugend in Ostwestfalen: Wo man sich permanent wieder über den Weg läuft, werden Behauptungen schneller überprüfbar. Genau das fehlt in vielen digitalen Räumen: In vielen von ihnen kann man sich über die nächste Welle definieren, bevor die vorherige überhaupt den Strand erreicht hat.
Bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Große Worte sind nicht das Problem – manchmal brauchen wir sie sogar, um Richtung zu geben. Entscheidend ist jedoch, dass aus ihnen etwas folgt. Denn Respekt entsteht nicht durch die beste Erzählung, sondern durch das, was sich in der Praxis bewährt.
Wie immer würde ich mich sehr freuen, von Ihnen zu hören: Woran merken Sie, dass jemand nicht nur überzeugend spricht, sondern schon einmal „im Maschinenraum“ stand? Welche Fragen stellen Sie, um das herauszufinden? Schreiben Sie es mir gern.
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