Der wöchentliche Newsletter für erfolgreiche Führungskräfte
Gesine Braun
Liebe
Leserin, lieber Leser.
Erinnern Sie sich noch an die Diskussion um die Bundesjugendspiele? Wie erbittert darüber gestritten wurde, ob die Sportprüfungen an Schulen abgeschafft werden sollten? Ich hatte dazu keine ganz klare Haltung. Es gibt aus meiner Sicht viele gute Gründe, Menschen mehr in Bewegung zu bringen – und genauso viele, dies vielleicht auf anderen Wegen zu erreichen als über Wettkämpfe.
Mit dem Thema Performance verhält es sich im Grunde ähnlich. Natürlich widerstrebt es mir, wenn Menschen allein nach ihrer Leistung beurteilt werden. Schon allein, weil es viele Formen von Leistung gibt, die jenseits klassischer Bewertungskriterien liegen: etwa die Fähigkeit, ein schwieriges Gespräch gut zu führen, ein Team zusammenzuhalten, Wissen weiterzugeben oder im richtigen Moment Verantwortung zu übernehmen.
Und trotzdem bleibt eine Spannung, die sich nicht einfach wegmoderieren lässt: Führungskräfte tragen Verantwortung für die Menschen in ihrem Team – und für den wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens. Beides gehört zu ihrer Aufgabe. Gerade in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit, technologischer Umbrüche und geopolitischer Krisen genügt es deshalb nicht, ein möglichst angenehmes Arbeitsumfeld zu schaffen. Führung muss auch dafür sorgen, dass aus Arbeit etwas entsteht.
Umso interessierter habe ich den Artikel
„Schluss mit gemütlich! Warum Performance wieder das Maß aller Dinge wird“ (HBm+) gelesen. Darin beschreiben vier Expertinnen und Experten des internationalen Forschungs- und Beratungsunternehmens Gartner, wie sich das Führungsverständnis gerade verändert. Nach den Jahren der Pandemie, in denen Fürsorge, Flexibilität und Mitarbeiterbindung besonders wichtig waren, rücken Leistung und Produktivität inzwischen wieder weiter nach vorn.
Die Autorinnen und Autoren nennen das den Wechsel vom People-first- zum Performance-first-Management. Das klingt zunächst erschreckend – fast wie ein Rückfall in alte Zeiten. Gemeint ist aber etwas anderes: Führungskräfte sollen nicht weniger menschlich führen, sondern stärker dazu beitragen, dass Menschen gute Arbeit leisten können.
Dazu gehört vor allem, Erwartungen zu klären, Prioritäten zu setzen, Arbeitsabläufe zu verbessern und ruhig auch mal deutlich zu sagen, wenn ein Ergebnis nicht genügt. Laut dem Artikel ist nur etwa die Hälfte der Beschäftigten davon überzeugt, dass ihre Vorgesetzten diese grundlegenden Managementaufgaben beherrschen.
Das ist bemerkenswert. Denn Führung besteht eben nicht nur darin, zuzuhören, Verständnis zu zeigen und Mitarbeitende vor Zumutungen zu schützen. Wer jede Unzufriedenheit verhindern will, stützt vielleicht kurzfristig die Stimmung – aber nicht unbedingt sein Team. Und wer aus Loyalität die schwache Leistung eines Mitarbeitenden akzeptiert, verteilt zusätzliche Last auf die anderen.
Natürlich sind gute Beziehungen in der Arbeitswelt weiterhin wichtig. Im Harvard Business manager werden wir nicht müde, darüber zu schreiben, dass Beschäftigte, die ihrer Führungskraft vertrauen, sich sicherer fühlen, häufiger neue Ideen einbringen und seltener kündigen. Nähe darf trotzdem nicht zur Loyalitätsfalle werden.
Zum Glück kann eine gute Führungskraft Verständnis für eine schwierige private Situation haben – und trotzdem auf einen verlässlichen Beitrag bestehen. Sie kann Flexibilität ermöglichen und zugleich fragen, ob die Arbeit vorankommt. Sie kann anerkennen, dass eine Veränderung schwerfällt, ohne die Veränderung deshalb abzusagen.
Vielleicht geht es also nicht darum, zwischen Menschlichkeit und Leistung zu wählen. Sondern darum, beides zusammenzudenken. Leistung sollte nicht der einzige Wert sein, nach dem wir Menschen beurteilen. Aber Führung, die auf Leistung ganz verzichtet, wird ihrer Verantwortung ebenfalls nicht gerecht.
Die entscheidende Frage lautet deshalb: Woran erkennen wir gute Arbeit – und wie schaffen wir Bedingungen, unter denen sie möglich wird?
Wie erleben Sie das in Ihrem Unternehmen? Wird Leistung gerade wieder wichtiger? Und gelingt es, die Menschen dabei nicht aus dem Blick zu verlieren? Schreiben Sie mir gern.
Herzliche Grüße Gesine Braun
PS:
Ich habe noch einen Tipp für alle Abonnentinnen und Abonnenten unter Ihnen. KI, Krisen, Klimawandel: Die Bedingungen für die Wirtschaft ändern sich rasant – sich daran auszurichten, wird für Führungskräfte immer schwieriger. Am 4.9. haben wir die Transformations-Expertin Jana Werner eingeladen, um Ihre Fragen rund um die Anpassungsfähigkeit von Unternehmen zu beantworten. Hier geht es zur Anmeldung.
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