Der wöchentliche Newsletter für erfolgreiche Führungskräfte
Gesine Braun
Liebe
Leserin, lieber Leser.
Wenn ich beim Sport die Wahl zwischen Lang- und Kurzstrecke habe, gewinnt bei mir die Ausdauerdistanz, nicht der Sprint. Ich liebe das Gefühl, wenn auf jeden Schritt, Tritt oder Zug automatisch der nächste folgt und der Körper einfach macht. Der Rhythmus, der sich einstellt, die ruhige Leere im Kopf, das bloße Sein, vorüberziehende Landschaften – das ist meine Art von Meditation.
Allerdings birgt diese Leidenschaft einen blinden Fleck. Denn wer gut darin ist, durchzuhalten, merkt manchmal erst spät, dass er längst überzieht. Es heißt oft, Langdistanzen würden im Kopf gewonnen – und genau darin liegt das Risiko. Denn man kann sich ziemlich gut weiter antreiben, obwohl der Körper eigentlich nicht mehr kann. Freunde von mir sind schon auf dem Rennrad eingenickt. Dass ihnen nichts Schlimmes passiert ist, war pures Schutzengelglück.
Auch wenn das Wegnicken im Büro sicher weniger gefährlich ist als auf zwei Rädern: Dahinter steckt dieselbe Logik. Es ist das Ergebnis vieler kleiner Verschiebungen – eine Pause ausgelassen, ein Essen vor dem Rechner, zwei Feierabende in Folge mit dem Laptop auf dem Schoß, eine abgesagte private Verabredung. Kein Körper steckt das auf Dauer weg: Wer Glück hat, merkt es an Kleinigkeiten: am gereizteren Ton oder schlechteren Schlaf. Wer Pech hat, merkt es erst, wenn nichts mehr geht.
Jennifer Moss, die Autorin von „The Burnout Epidemic: The Rise of Chronic Stress and How We Can Fix It“ (Harvard Business Review Press 2021), beschreibt in meiner heutigen Leseempfehlung
„Muss erst einer zusammenklappen?“ genau diesen Kipppunkt: Wenn aus Leistungsbereitschaft ein gefährlicher Drang wird, jederzeit funktionieren zu müssen – auf Kosten von Gesundheit, Beziehungen, Lebensqualität. Sie nennt das toxische Produktivität und sagt: Das ist kein Charakterfehler, sondern Resultat eines Systems aus Belohnungen und stillen Erwartungen. Es lebt von einer alten Gleichung, die viele von uns verinnerlicht haben: Das Glück ist mit den Fleißigen.
Bitte missverstehen Sie mich nicht: Daran erst einmal nichts Falsches. Es wäre schlimm, wenn Zielstrebigkeit und Einsatz sich nicht mehr auszeichnen würden. Doch spätestens wenn Ausruhen als verdächtig gilt, wird es riskant. Auch wenn der volle Kalender zum Leistungsnachweis und das immergrüne Teams-Licht zur Selbstverständlichkeit werden, hat sich der eigene Maßstab gefährlich verschoben.
Allen, die jetzt sagen: „Na, und! Ist doch alles selbst gewählt“, antworte ich: Stimmt! Trotzdem wird an diesem Punkt aus einem persönlichen Glaubenssatz eine Kulturfrage. Denn toxische Produktivität entsteht nicht nur in einzelnen Köpfen, sie wird vorgelebt – ich fürchte, leider manchmal auch von mir. Denn wer führt, sendet ständig Signale – ob er will oder nicht. Natürlich ist es entspannter, diesen Newsletter abends auf dem Sofa zu schreiben; ich mag späte Schreibstunden. Trotzdem sende ich damit an mein Team implizit immer auch die Botschaft: „So sieht echter Einsatz aus.“
Moss sagt deshalb: Selbstfürsorge zu betreiben und Grenzen zu setzen, ist kein privates Wellnessprojekt, sondern Führungsarbeit. Wenn Chefinnen und Chefs nicht aufhören, ständig über ihre eigenen Grenzen zu gehen, eifern ihre Teams ihnen häufig nach. Späte Mails werden so schnell zum Maßstab – nicht weil jemand es ausdrücklich verlangt, sondern weil alle sehen: So spät zu arbeiten, ist hier offenbar normal.
Die gute Nachricht ist: Kultur kann sich auch wieder ändern. Und auch hier sind es die kleinen Dinge, die die Grenze wieder verschieben: ein Meeting weniger, ein wirklicher Feierabend, ein Urlaub, über den man nicht mit schlechtem Gewissen spricht, sondern als das, was er ist: Erholung, die Arbeit möglich macht.
Ich habe mir deshalb in diesem Sommer geschworen, jedem Teammitglied, das sich verabschiedet, von Herzen eine schöne Auszeit zu wünschen. Und wenn ich an der Reihe bin, freue ich mich schon jetzt auf die Tage ohne Rechner. Denn so wie ich beim Laufen nicht mit jedem Kilometer schneller werden muss, muss im Job nicht jede Woche voller werden. Manchmal helfen gerade die Pausenwochen vor einem großen Wettkampf dabei, wieder mit Kraft, klarem Kopf und Freude zu starten – statt mit zusammengebissenen Zähnen.
ANZEIGE
Auch Ihnen wünsche ich, dass Sie diese Zeilen nach einer richtigen Sommerpause lesen. Nicht zwischen zwei Terminen, nicht „nur kurz“ am Bildschirmrand – sondern mit ein bisschen Ruhe, vielleicht sogar mit dem Gefühl: Ich war weg und es war gut so. Und keine Sorge: Sie sind deshalb nicht weniger engagiert. Sie setzen damit ein wichtiges Signal: Hier zählt nicht, wer am längsten durchhält, sondern wer langfristig gut arbeitet.
Jetzt bin ich gespannt: Welche Pause nehmen Sie sich in diesem Sommer wirklich – und was möchten Sie danach als Erstes verändern, um zu verhindern, dass einer der Akkus in Ihrem Team rot blinkt? Schreiben Sie mir gern.
manager magazin new media GmbH & Co. KG Ein Unternehmen der manager magazin Verlagsgesellschaft mbH Ericusspitze 1 20457 Hamburg Telefon: 040 38080-333
Sitz und Registergericht Hamburg, HRB 112 086 Umsatzsteuer-ID-Nummer DE 269 1300 94