Der wöchentliche Newsletter für erfolgreiche Führungskräfte
Gesine Braun
Liebe
Leserin, lieber Leser.
Ich bin in meinem Leben verhältnismäßig viel umgezogen. Geboren wurde ich am Rhein. Und auch wenn ich nur in meinen allerersten Lebensjahren – und später während meines Studiums – dort gewohnt habe, stelle ich mich gern als Rheinländerin vor. Ich mag diesen Landstrich und die Tatsache, dass man dort schnell mit Menschen ins Gespräch kommt.
Trotzdem habe auch ich Tage, an denen ich mich am liebsten in irgendeinem abgelegenen Büro verstecken würde. Weil ich zu viel zu tun habe, weil ich in Gedanken oder einfach nicht sozial gelaunt bin. Jeder Kopf braucht manchmal Stille. Wenn mich jemand an einem solchen Tag erwischt, kann es sein, dass mein Lächeln ein klein wenig verzögert kommt.
An dieses Gefühl musste ich denken, als ich unseren Artikel „
Was hilft, wenn die Anliegen Ihrer Mitarbeitenden Sie auf die Palme bringen“ gelesen habe. Ron Carucci und Jay Stringer, der eine Managementberater, der andere Therapeut, schauen nämlich sehr genau hin, warum es Situationen gibt, in denen auch sonst eher soziale Führungskräfte an ihre Grenzen geraten.
Erstaunlicherweise hat das jedoch nur selten etwas mit der Menge der Anfragen zu tun, so Carucci und Stringer. Es hängt vielmehr vom inneren Zustand vieler Chefinnen und Chefs ab. Denn wenn Mitarbeitende um Rat fragen, geht es fast nie nur um die Sache. Oft schwingen andere Themen mit – etwa das Bedürfnis nach Feedback, Zuwendung oder Entlastung.
Und als wäre das nicht schon kompliziert genug, drücken Mitarbeitende mit diesen Bedürfnissen bei ihren Vorgesetzten häufig auf unbewusste Knöpfe. Führungskräfte, denen etwa als Kind eingetrichtert wurde, dass Wert nur durch Leistung entsteht, werden den Wunsch nach Entlastung vermutlich schwer ertragen. Hören Sie mal tief in sich hinein: Gibt es da vielleicht auch in Ihnen eine Stimme, die sagt: Ich habe schließlich auch immer alles allein geschafft? Oder: Wenn ich mir früher so ein Verhalten erlaubt hätte, wäre das nicht gut angekommen?
Carucci und Stringer unterscheiden vier Grundbedürfnisse, die immer mitlaufen, auch im Job: Sicherheit, Zugehörigkeit, Sinn und Liebe. Wenn man angesprochen wird und das als fordernd, aufdringlich oder unerquicklich empfindet, könne das daran liegen – so ihre These –, dass das entsprechende Bedürfnis bei einem selbst nicht wirklich erfüllt ist. Eine Bitte um Klärung fühlt sich dann schnell wie Kritik an. Der Wunsch nach Mitsprache wie Kontrolle. Der Ruf nach Anerkennung wie Abhängigkeit. Und der Wunsch nach Entwicklung wie Konkurrenz.
Ich fand das tröstlich – auf eine erwachsene Art. Weil es Führung nicht romantisiert, sondern sagt: Auch Chefinnen und Chefs sind Menschen. Die Frage ist nur, ob wir die Anliegen, die an uns herangetragen werden, als Störung betrachten – oder als Spiegel. Wenn wir bereit sind, kurz hinzusehen, bevor wir genervt reagieren oder die Anfrage abtun, lernen wir vermutlich viel über uns selbst.
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Und Sie: Welches Anliegen Ihrer Mitarbeitenden triggert Sie besonders zuverlässig – und welches dahinter liegende Bedürfnis könnte (bei Ihnen oder Ihrem Gegenüber) gerade zu kurz kommen? Schreiben Sie mir gern.
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