Der wöchentliche Newsletter für erfolgreiche Führungskräfte
Gesine Braun
Liebe
Leserin, lieber Leser.
Am Ende des Sommers hat mich ein Infekt erwischt. Auf dem Weg zur Arbeit spürte ich noch ein leichtes Kratzen im Hals, am Abend lag ich mit Schüttelfrost im Bett. Nach drei Tagen war die Sache praktisch ausgestanden – dachte ich zumindest –, und ich meldete mich am nächsten Tag aus dem Homeoffice wieder bei meinem Team.
Eigentlich lief es auch ganz gut. Ich konnte Mails beantworten, an Besprechungen teilnehmen und ein paar Texte fertigstellen. Bis ich mir am Ende des vierten Tages ziemlich erschöpft eingestehen musste: Ich war noch nicht wieder gesund. Ich hatte nur gelernt, trotz Krankheit weiterzuarbeiten.
Meine heutige Leseempfehlung stammt von meiner Kollegin Britta Domke. In ihrem Artikel „Die Wahrheit über Fehltage“ (HBm+)
geht es um den hohen Krankenstand in Deutschland – und um die schnelle Erklärung, die in Politik und Wirtschaft gern zur Hand ist: Die Menschen seien zu wenig belastbar, sie ließen sich zu schnell krankschreiben oder seien schlicht nicht mehr willens zu arbeiten.
Und ja, noch immer gibt es Chefinnen und Chefs, die Krankheit als Schwäche betrachten und Mitarbeitenden für Fehltage am liebsten Urlaubstage streichen würden. Doch die Fakten geben diese Erzählung nicht her. Eine Studie des Kölner Ökonomen Jakob Alfitian zeigt sogar: Die von ihm untersuchte Supermarktkette war nicht bei einem Krankenstand von null am leistungsstärksten, sondern bei Fehlzeiten von etwa 4 bis 5 Prozent. In diesem Bereich waren Umsatz und andere Leistungskennzahlen am höchsten.
Das klingt zunächst ziemlich widersinnig. Ist Anwesenheit nicht besser als Abwesenheit? Nicht unbedingt. Wer sich – so wie ich vor einigen Wochen – krank zur Arbeit schleppt, ist zwar da, kann aber oft nicht richtig denken, entscheiden oder sich konzentrieren. Im schlimmsten Fall, wenn Homeoffice keine Option ist, steckt man auch noch Kolleginnen und Kollegen an. Und wer eine Krankheit nicht auskuriert, fällt später womöglich länger aus.
Warum passiert das trotzdem so oft? Weil in vielen Organisationen noch immer die Vorstellung herrscht, Anwesenheit sei ein Beweis für Einsatz. Das ist Präsentismus: Menschen arbeiten, obwohl sie krank sind – aus Pflichtgefühl, aus Sorge, andere im Stich zu lassen, oder aus Angst vor Nachteilen. Auch wer zu Hause warm eingepackt Nachrichten beantwortet oder das Nötigste erledigt, verbraucht dabei Energie, die der Körper eigentlich für etwas anderes braucht: gesund zu werden.
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Was ich an Brittas Text bemerkenswert finde: Sie bleibt nicht bei der Kritik an einer überholten Arbeitsmoral stehen. Sie fragt auch, was Unternehmen besser machen können. Dazu gehören flexible Arbeitsmodelle und Hybridarbeit, eine gute Gesundheitsprävention und – zumindest als denkbares Modell – eine Teilzeitkrankschreibung. Vor allem aber braucht es eine Kultur, in der Beschäftigte nicht das Gefühl haben, ihre Krankheit rechtfertigen zu müssen.
Und genau das ist auch eine Führungsaufgabe. Wer krank zur Arbeit kommt, ist nicht automatisch besonders engagiert. Vielleicht ist diese Person vor allem pflichtbewusst. Vielleicht hat sie Sorge, andere im Stich zu lassen. Vielleicht fürchtet sie aber auch, dass ihre Abwesenheit ihr später schadet.
Gute Führung sollte dieses Missverständnis nicht noch verstärken. Sie sollte nicht fragen: Wie bekommen wir die Menschen möglichst schnell wieder an ihren Arbeitsplatz? Sondern: Was brauchen sie, damit sie langfristig gesund und wirksam arbeiten können?
Dazu gehört manchmal ein ehrliches: Bleib lieber zu Hause. Werde gesund. Die Arbeit läuft nicht weg.
Denn auch das belegen inzwischen zahlreiche Studien: Ein Unternehmen ist nicht dann besonders leistungsfähig, wenn niemand fehlt. Sondern wenn Menschen sich erlauben können, auszufallen – und danach wirklich wiederzukommen.
Wie gehen Sie in Ihrem Arbeitsalltag mit Krankheit um? Und wie sorgen Sie dafür, dass in Ihrem Team niemand krank sein muss, um als engagiert zu gelten? Schreiben Sie mir gern.
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